Diabetes behandeln: Therapie bei Typ 1 und Typ 2
Diabetes behandeln: Therapie bei Typ 1 und Typ 2
Die Frage nach der „richtigen“ Diabetes-Therapie lässt sich nicht mit einem Medikament, einer Diät oder einem einzelnen Blutzuckerwert beantworten.
Vor allem müssen wir zwei Erkrankungen auseinanderhalten, die zwar beide Diabetes mellitus heißen, therapeutisch aber völlig unterschiedlich behandelt werden: den Typ-1-Diabetes und den wesentlich häufigeren Typ-2-Diabetes.
Beim Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse aufgrund der Zerstörung der insulinbildenden Betazellen kaum noch oder überhaupt kein eigenes Insulin. Insulin ist deshalb lebensnotwendig.
Beim Typ-2-Diabetes sieht die Sache anders aus. Hier steht zumindest zu Beginn meist nicht ein Insulinmangel im Vordergrund, sondern eine verminderte Wirkung des Insulins: die Insulinresistenz.
Und genau hier liegt therapeutisch ein entscheidender Ansatzpunkt.
Denn Typ-2-Diabetes ist sehr viel mehr als „zu viel Zucker im Blut“. Es handelt sich um eine Stoffwechselstörung, an der unter anderem Ernährung, Bewegungsmangel, Muskelstoffwechsel, Übergewicht beziehungsweise viszerales Bauchfett, Leberstoffwechsel, Schlaf, Stress und genetische Faktoren beteiligt sein können.
Eine vernünftige Therapie muss deshalb mehr tun, als lediglich den Blutzucker nach unten zu drücken.
Was wollen wir bei einer Diabetes-Therapie eigentlich erreichen?
Natürlich sollen erhöhte Blutzuckerwerte gesenkt werden. Das allein reicht mir aber als Therapieziel nicht.
Bei einem Typ-2-Diabetes möchte ich möglichst mehrere Dinge gleichzeitig erreichen:
- die Insulinempfindlichkeit verbessern,
- starke Blutzuckerspitzen vermeiden,
- dauerhaft erhöhte Insulinspiegel reduzieren,
- vorhandenes Übergewicht und vor allem viszerales Fett abbauen,
- die Leber entlasten,
- Muskelmasse und körperliche Leistungsfähigkeit erhalten,
- Gefäße, Nieren und Nerven schützen,
- Blutdruck und Blutfette berücksichtigen
- und wenn möglich die Stoffwechsellage so weit verbessern, dass Medikamente reduziert werden können.
Letzteres darf natürlich niemals eigenmächtig geschehen. Wer Medikamente oder Insulin verwendet und gleichzeitig Ernährung, Fasten oder Bewegung deutlich verändert, muss seine Blutzuckerwerte entsprechend kontrollieren und die Medikation gegebenenfalls anpassen lassen.
Das gilt besonders für Medikamente, die Unterzuckerungen auslösen können.
Typ-1-Diabetes: Ohne Insulin geht es nicht
Beim Typ-1-Diabetes besteht ein absoluter oder nahezu absoluter Insulinmangel. Deshalb gehört Insulin zwingend zur Behandlung.
Naturheilkunde, Ernährung, Bewegung und Vitalstoffe können hier allenfalls ergänzend eingesetzt werden. Sie ersetzen das Insulin nicht.
Das ist mir deshalb wichtig zu betonen, weil unter dem Stichwort „Diabetes natürlich behandeln“ mitunter Dinge versprochen werden, die bei Typ 1 gefährlich werden können.
Moderne kontinuierliche Glukosemessung, Insulinpumpen und automatisierte Systeme zur Insulindosierung haben die Behandlung inzwischen erheblich verbessert.
Grundlegendes zur Erkrankung habe ich hier zusammengestellt: Diabetes Typ 1 – Ursachen und Grundlagen.
Wer sich ausführlicher mit der Insulingabe beschäftigen möchte, findet außerdem meinen Beitrag zur Insulintherapie bei Diabetes.
Typ-2-Diabetes: Hier beginnt die Therapie viel früher
Beim Typ-2-Diabetes befindet sich häufig über viele Jahre ausreichend oder sogar sehr viel Insulin im Blut.
Der Körper versucht damit zunächst, die zunehmende Insulinresistenz zu kompensieren. Die Bauchspeicheldrüse produziert mehr Insulin, damit die Glukose trotz der schlechter reagierenden Zellen noch aus dem Blut aufgenommen werden kann.
Das funktioniert mitunter erstaunlich lange.
Genau darin liegt aber das Problem: Ein Mensch kann bereits eine ausgeprägte Insulinresistenz haben, während der Nüchternblutzucker noch gar nicht besonders spektakulär aussieht.
Deshalb halte ich es für einen Fehler, ausschließlich auf Nüchternblutzucker und HbA1c zu schauen.
Interessant können beispielsweise auch der Nüchterninsulinwert und der daraus berechnete HOMA-Index sein.
Zur Diagnostik habe ich außerdem einen ausführlichen Beitrag geschrieben: Diabetes-Tests – welche Blutwerte und Untersuchungen sinnvoll sind.
Gerade in diesem frühen Stadium sehe ich therapeutisch die größten Chancen. Wer wartet, bis die Bauchspeicheldrüse nach Jahren der Mehrarbeit zunehmend erschöpft ist, verschenkt wertvolle Zeit.
Gerade diese frühen Stoffwechselveränderungen werden häufig übersehen. In meinem kostenlosen Diabetes-Newsletter schreibe ich deshalb regelmäßig darüber, welche Laborwerte ich für interessant halte, was sich bei Ernährung und Lebensstil bewährt hat und welche naturheilkundlichen Möglichkeiten überhaupt sinnvoll erscheinen. Wenn Sie bei diesen Themen auf dem Laufenden bleiben möchten, können Sie sich hier eintragen:
Ernährung ist ein zentraler Teil der Therapie
Bei keinem Typ-2-Diabetiker würde ich die Ernährung als Nebensache behandeln.
Interessanterweise wurde Diabetikern jahrzehntelang erzählt, sie müssten im Grunde nur ihre Broteinheiten zählen und ansonsten möglichst „ausgewogen“ essen.
Das greift aus meiner Sicht viel zu kurz.
Entscheidend ist unter anderem:
- Wie stark steigt der Blutzucker nach einer Mahlzeit?
- Wie viel Insulin muss dafür ausgeschüttet werden?
- Wie verarbeitet ist das Lebensmittel?
- Wie viel Ballaststoff ist enthalten?
- Wie sieht die gesamte Mahlzeit aus?
- Wie viel bewegt sich der Betroffene?
Problematisch sind insbesondere große Mengen schnell verfügbarer und stark verarbeiteter Kohlenhydrate:
- Zucker und Süßigkeiten,
- gezuckerte Getränke,
- Fruchtsäfte,
- Weißmehlprodukte,
- viele Frühstückscerealien,
- Gebäck,
- Snacks
- und zahlreiche hochverarbeitete Fertigprodukte.
Gleichzeitig halte ich wenig davon, aus der Ernährung eine Glaubensfrage zu machen.
Nicht jeder Diabetiker muss ketogen essen. Nicht jeder muss vegan leben. Und auch ein Vollkornetikett macht ein Produkt noch nicht automatisch stoffwechselgünstig.
Entscheidend ist die konkrete Stoffwechsellage.
Gemüse, vernünftige Eiweißquellen, hochwertige Fette, ausreichend Ballaststoffe und möglichst wenig hochverarbeitete Lebensmittel bilden für mich die Grundlage. Die Kohlenhydratmenge muss individuell dazu passen.
Ausführlich habe ich das in meinem Beitrag Ernährung bei Typ-2-Diabetes: Was wirklich auf den Teller gehört beschrieben.
Bewegung ist bei Typ-2-Diabetes fast schon Medizin
Muskelgewebe gehört zu den wichtigsten Organen des Zuckerstoffwechsels.
Wenn sich ein Muskel bewegt, nimmt er Glukose auf. Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert darüber hinaus die Insulinempfindlichkeit.
Deshalb gehört Bewegung für mich zu den wichtigsten therapeutischen Maßnahmen beim Typ-2-Diabetes überhaupt.
Dabei muss niemand zum Marathonläufer werden.
Schon regelmäßiges zügiges Gehen kann sinnvoll sein. Besonders interessant finde ich zusätzlich Krafttraining, weil aktive Muskelmasse eine erhebliche Bedeutung für den Glukosestoffwechsel hat.
Ein oft unterschätztes Mittel ist die Bewegung unmittelbar nach dem Essen. Bereits ein Spaziergang kann helfen, den Blutzuckeranstieg nach einer Mahlzeit abzumildern.
Das klingt banal. Stoffwechselphysiologisch ist es das keineswegs.
Mehr zu Bewegung und der Frage, worauf bei Medikamenten geachtet werden muss, lesen Sie hier: Diabetes-Medikamente und Sport.
Übergewicht: Entscheidend ist besonders das Bauchfett
Nicht jedes Übergewicht führt zu Diabetes. Und nicht jeder Typ-2-Diabetiker ist stark übergewichtig.
Dennoch spielt überschüssiges Fettgewebe bei sehr vielen Patienten eine entscheidende Rolle.
Besonders problematisch ist das sogenannte viszerale Fett im Bauchraum. Dieses Fett ist stoffwechselaktiv und eng mit Insulinresistenz, Fettleber und chronisch entzündlichen Prozessen verbunden.
Deshalb interessiert mich nicht nur das Körpergewicht. Der Bauchumfang kann mindestens ebenso aufschlussreich sein.
Schon eine moderate Gewichtsabnahme kann die Insulinempfindlichkeit verbessern. Bei stärkerem Übergewicht können größere Gewichtsverluste die Stoffwechsellage teilweise erstaunlich verändern.
Bei einem Teil der Patienten ist sogar eine Remission des Typ-2-Diabetes möglich.
Remission heißt allerdings nicht, dass die Erkrankung für immer verschwunden sein muss. Werden die alten Bedingungen wiederhergestellt und nimmt der Betroffene deutlich zu, kann auch der Diabetes zurückkehren.
Die Fettleber wird beim Diabetes häufig unterschätzt
Ein Punkt, der meiner Erfahrung nach bei Typ-2-Diabetes viel zu selten thematisiert wird, ist die Leber.
Viele Typ-2-Diabetiker haben gleichzeitig eine Fettleber.
Die Leber ist aber kein nebensächliches Stoffwechselorgan. Sie entscheidet unter anderem darüber, wie viel Glukose gespeichert und wie viel wieder ins Blut abgegeben wird.
Wird die Leber zunehmend insulinresistent, kann sie auch dann Glukose freisetzen, wenn im Blut längst genug vorhanden ist.
Das ist einer der Gründe, weshalb erhöhte Nüchternblutzuckerwerte gerade am Morgen so hartnäckig sein können.
Deshalb gehören für mich Fettleber und Typ-2-Diabetes therapeutisch oft zusammen.
Wer seine Stoffwechsellage verbessern möchte, sollte nicht nur auf den Zucker schauen, sondern auch auf Leberfett, Bauchfett und Insulin.
Heilfasten und intermittierendes Fasten bei Typ-2-Diabetes
Gerade beim Typ-2-Diabetes ist Fasten aus meiner Sicht ein ausgesprochen interessantes Verfahren.
Während des Fastens sinkt die Zufuhr von Glukose drastisch. Die Insulinspiegel fallen, die Fettverbrennung steigt und der Organismus beginnt zunehmend, auf körpereigene Energiereserven zurückzugreifen.
Das ist bei einer Erkrankung, deren Kernproblem sehr häufig eine Insulinresistenz mit chronisch erhöhten Insulinspiegeln ist, therapeutisch natürlich hochinteressant.
Auch intermittierende Essenspausen können sinnvoll sein. Für manche Patienten ist bereits die Umstellung von ständigem Essen und Naschen auf zwei oder drei klar getrennte Mahlzeiten ein wichtiger erster Schritt.
Aber: Bei Diabetes ist Fasten nicht einfach nur „nichts essen“.
Wer Insulin oder bestimmte blutzuckersenkende Medikamente verwendet, kann unter Fastenbedingungen in eine Unterzuckerung geraten. Bei SGLT2-Hemmern muss zusätzlich das Risiko einer Ketoazidose bedacht werden.
Medikamentös behandelte Diabetiker sollten deshalb längere Fastenzeiten nicht ohne entsprechende Anpassung und Kontrolle beginnen.
Auch mein Beitrag zum Prädiabetes und seiner Behandlung geht auf die Möglichkeiten von Heilfasten und intermittierendem Fasten ein.
Ernährung, Bewegung und Fasten sind genau die Bereiche, in denen Patienten selbst besonders viel verändern können. Entscheidend ist aber, daraus kein Sammelsurium aus hundert einzelnen Tipps zu machen. In meinem kostenlosen Diabetes-Newsletter zeige ich immer wieder konkrete Maßnahmen, die sich im Alltag tatsächlich umsetzen lassen. Wenn Sie solche Hinweise regelmäßig erhalten möchten, tragen Sie sich hier ein:
Diabetes-Medikamente: Nicht verteufeln, aber sinnvoll einsetzen
Bei der medikamentösen Therapie des Typ-2-Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert.
Früher wurde die Behandlung häufig als eine Art Stufenschema dargestellt:
Ernährung und Bewegung reichen nicht mehr, also Metformin. Reicht das nicht, kommen weitere Tabletten hinzu. Und irgendwann landet der Patient beim Insulin.
So einfach ist es heute nicht mehr.
Bei der Auswahl der Medikamente werden neben dem Blutzucker zunehmend auch Körpergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzschwäche und die Nierenfunktion berücksichtigt.
Metformin
Metformin gehört weiterhin zu den am häufigsten verwendeten Medikamenten bei Typ-2-Diabetes.
Es vermindert vor allem die Glukoseneubildung in der Leber und verbessert teilweise die Insulinwirkung.
Einen Punkt würde ich bei langfristiger Einnahme allerdings nicht vergessen: Vitamin B12.
Metformin kann die Vitamin-B12-Versorgung beeinträchtigen. Gerade bei Beschwerden wie Müdigkeit, Kribbeln, Taubheitsgefühlen oder Blutbildveränderungen gehört der B12-Status deshalb für mich auf die Liste der zu prüfenden Faktoren.
SGLT2-Hemmer
SGLT2-Hemmer sorgen dafür, dass über die Nieren mehr Glukose ausgeschieden wird.
Diese Wirkstoffgruppe ist vor allem deshalb interessant geworden, weil bestimmte Präparate über die reine Blutzuckersenkung hinaus günstige Wirkungen bei Herzschwäche und chronischer Nierenerkrankung zeigen können.
Das heißt nicht, dass diese Medikamente harmlos wären.
Unter anderem können Flüssigkeitsverlust, Genitalinfektionen und in seltenen Fällen Ketoazidosen auftreten. Gerade bei längeren Fastenzeiten, akuten Erkrankungen oder Operationen sind deshalb besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich.
GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid
Zu den heute viel diskutierten Medikamenten gehören GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid sowie der kombinierte GIP-/GLP-1-Rezeptoragonist Tirzepatid.
Diese Präparate können Blutzucker und Körpergewicht teilweise erheblich reduzieren.
Damit haben sie die Diabetestherapie zweifellos verändert.
Ich würde daraus allerdings nicht den Schluss ziehen, dass damit sämtliche Stoffwechselprobleme gelöst wären.
Wenn ein Medikament den Appetit stark reduziert, können Gewicht und Blutzucker sinken. Die grundlegenden Fragen nach Ernährung, Bewegungsmangel, Muskelmasse, Schlaf und Lebensstil verschwinden dadurch aber nicht.
Bei stärkerem Gewichtsverlust interessiert mich außerdem immer, was verloren geht. Gewichtsverlust darf nicht unnötig zu Lasten der Muskelmasse erfolgen.
Insulin bei Typ-2-Diabetes
Auch bei Typ-2-Diabetes kann Insulin notwendig werden.
Das gilt insbesondere bei ausgeprägter Stoffwechselentgleisung, sehr hohen Blutzuckerwerten oder wenn die körpereigene Insulinproduktion im Verlauf der Erkrankung deutlich abnimmt.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass jeder Typ-2-Diabetiker irgendwann Insulin benötigt.
Je früher die Insulinresistenz erkannt und konsequent behandelt wird, desto größer ist zumindest die Chance, die Stoffwechsellage langfristig günstig zu beeinflussen.
Zur Insulinbehandlung habe ich einen eigenen Beitrag veröffentlicht: Diabetes und Insulintherapie.
Vitalstoffe bei Diabetes: Für mich keineswegs nur Nebensache
Vitalstoffe ersetzen keine notwendige Diabetesbehandlung.
Diese Klarstellung ist wichtig.
Ebenso falsch finde ich allerdings die gegenteilige Position, nach der Mikronährstoffe bei Diabetes praktisch keine Rolle spielen würden.
Der Stoffwechsel funktioniert schließlich nicht im luftleeren Raum. Für zahlreiche enzymatische Reaktionen werden Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente benötigt.
Je nach Situation interessieren mich bei Diabetes unter anderem:
- Magnesium,
- Vitamin D,
- Vitamin B1,
- Vitamin B12,
- Chrom,
- Zink
- und Alpha-Liponsäure.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Diabetiker von allem möglichst hohe Dosierungen einnehmen sollte.
Ich schaue auf Ernährung, Medikamente, Beschwerden, Begleiterkrankungen und – wo sinnvoll – Laborwerte.
Zu diesem Thema finden Sie auf dieser Webseite mehrere vertiefende Beiträge:
Alpha-Liponsäure ist besonders bei Nervenschäden interessant
Alpha-Liponsäure nimmt bei Diabetes eine gewisse Sonderstellung ein.
Sie ist am mitochondrialen Energiestoffwechsel beteiligt und besitzt antioxidative Eigenschaften.
Besonders interessant ist die Alpha-Liponsäure im Zusammenhang mit der diabetischen Polyneuropathie.
Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle oder Schmerzen an Füßen und Beinen gehören zu den Beschwerden, bei denen ich diesen Vitalstoff besonders im Blick habe.
Mehr dazu: Wichtig in der Diabetes-Therapie: Alpha-Liponsäure.
Naturheilkunde ist mehr als Nahrungsergänzung
Wenn von Naturheilkunde bei Diabetes gesprochen wird, denken viele sofort an Zimt, Chrom, Bittermelone oder irgendeine „blutzuckersenkende“ Kapsel.
Das ist mir zu kurz gedacht.
Eine vernünftige naturheilkundliche Behandlung beginnt viel grundlegender.
Ich schaue zunächst auf:
- Ernährung,
- Bewegung und Muskelmasse,
- Gewicht und Bauchfett,
- Schlaf,
- Stressbelastung,
- Leberstoffwechsel,
- Verdauung und Darm,
- Vitalstoffversorgung
- und natürlich auf die verwendeten Medikamente.
Erst danach stellt sich die Frage, welche ergänzenden Verfahren sinnvoll sein könnten.
Das entspricht im Grunde dem alten naturheilkundlichen Gedanken der Ordnungstherapie: Die Bedingungen verbessern, unter denen der Organismus funktionieren soll.
Eine einzelne Tablette oder Kapsel kann das nicht ersetzen.
Heilpflanzen bei Diabetes
Verschiedene Heilpflanzen und Pflanzenstoffe werden hinsichtlich ihres Einflusses auf den Zuckerstoffwechsel untersucht.
Dazu gehören beispielsweise Zimt, Bittermelone, Gymnema sylvestre und Berberin beziehungsweise berberinhaltige Pflanzen.
Die Datenlage ist je nach Substanz sehr unterschiedlich.
Ich würde diese Mittel deshalb nie als Ersatz für Ernährung, Bewegung oder eine notwendige medikamentöse Behandlung darstellen.
Sie können aber im Einzelfall interessante Ergänzungen sein.
Dabei müssen mögliche Wechselwirkungen bedacht werden. Wenn ein Pflanzenstoff den Blutzucker zusätzlich senkt und gleichzeitig Diabetesmedikamente verwendet werden, ist „natürlich“ keineswegs automatisch gleichbedeutend mit „wirkungslos“ oder „risikofrei“.
Der Darm und Diabetes
Ein Bereich, der mich aus naturheilkundlicher Sicht besonders interessiert, ist der Darm.
Wir wissen inzwischen, dass Darmflora, Darmbarriere, Ernährung und Stoffwechsel eng miteinander verknüpft sind.
Das bedeutet noch lange nicht, dass man Typ-2-Diabetes durch irgendeine pauschale „Darmsanierung“ einfach beseitigen könnte.
Aber die Zusammenhänge sind interessant genug, um sie nicht mehr als Randthema abzutun.
In meiner Praxis sehe ich jedenfalls immer wieder Patienten, bei denen Stoffwechsel, Verdauung und Ernährung nicht sinnvoll getrennt betrachtet werden können.
Ausführlicher dazu: Darmsanierung bei Diabetes – welche Rolle spielt das Mikrobiom?
Genau an dieser Stelle wird es für mich spannend: Diabetes besteht eben nicht nur aus einem Blutzuckerwert. Darm, Leber, Vitalstoffe, Bewegung, Ernährung und Medikamente greifen ineinander. In meinem kostenlosen Diabetes-Newsletter greife ich solche Zusammenhänge auf und bespreche auch Studien und naturheilkundliche Verfahren, die in einer normalen Diabetesberatung oft kaum vorkommen. Wenn Sie das interessiert, können Sie den Newsletter hier kostenlos anfordern:
Stress und Schlaf werden als Diabetes-Faktoren unterschätzt
Auch Schlafmangel und chronischer Stress beeinflussen den Zuckerstoffwechsel.
Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin sorgen dafür, dass Energie bereitgestellt wird. Dazu gehört auch die Freisetzung von Glukose.
Das ist physiologisch sinnvoll, wenn wir kurzfristig körperliche Leistung erbringen müssen.
Weniger sinnvoll ist es, wenn Stress zum Dauerzustand wird.
Auch chronisch zu wenig Schlaf kann die Insulinempfindlichkeit verschlechtern und gleichzeitig Hunger, Appetit und Essverhalten verändern.
Wer nachts fünf Stunden schläft, tagsüber unter Dauerstress steht, sich kaum bewegt und versucht, den Stoffwechsel anschließend allein mit einer Nahrungsergänzung zu reparieren, beginnt aus meiner Sicht am falschen Ende.
Schlaf und Stressregulation gehören deshalb ebenfalls zur Diabetes-Therapie.
Nicht nur den HbA1c behandeln
Der HbA1c ist ein wichtiger Laborwert.
Aber ein Mensch besteht nicht aus einem HbA1c.
Bei einem Typ-2-Diabetiker interessiert mich deshalb wesentlich mehr:
- Wie entwickelt sich das Körpergewicht?
- Wie groß ist der Bauchumfang?
- Wie sehen die Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten aus?
- Wie hoch ist möglicherweise das Nüchterninsulin?
- Was zeigt der HOMA-Index?
- Wie hoch sind Blutdruck und Triglyceride?
- Wie steht es um HDL und LDL?
- Gibt es Hinweise auf eine Fettleber?
- Wie funktionieren die Nieren?
- Wird Albumin über den Urin ausgeschieden?
- Wie sieht die Vitamin-B12-Versorgung unter Metformin aus?
- Wie viel Muskelmasse ist vorhanden?
- Wie viel bewegt sich der Patient tatsächlich?
Erst aus diesem Gesamtbild ergibt sich für mich eine vernünftige Therapie.
Zu den Laboruntersuchungen finden Sie hier mehr: Diabetes-Tests der Schulmedizin und Naturheilkunde.
Die Nieren gehören früh auf den Prüfstand
Die Niere gehört zu den Organen, die bei einem langjährigen Diabetes besonders gefährdet sind.
Das Tückische: Eine beginnende diabetische Nierenerkrankung verursacht häufig keinerlei Beschwerden.
Deshalb reicht es mir nicht, irgendwann bei deutlich erhöhtem Kreatinin festzustellen, dass „etwas mit den Nieren“ nicht stimmt.
Von besonderer Bedeutung sind die geschätzte Filterleistung der Niere (eGFR) und die Albuminausscheidung über den Urin.
Gerade der Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin kann Veränderungen zeigen, bevor der Patient überhaupt etwas bemerkt.
Ausführlicher habe ich das hier beschrieben: Nieren bei Diabetes: Die diabetische Nierenerkrankung.
Spätschäden verhindern: Darum geht es am Ende wirklich
Langfristig entscheidet bei Diabetes nicht allein der Zuckerwert über die Prognose.
Zu den wichtigsten Folgeproblemen gehören Schäden an:
- Blutgefäßen,
- Herz,
- Nieren,
- Augen,
- Nerven
- und Füßen.
Deshalb muss eine moderne Diabetes-Therapie immer auch Gefäß- und Organschutz einschließen.
Blutdruck, Nierenfunktion, Blutfette, Rauchen, Bewegung und Körpergewicht sind daher keine Nebenschauplätze.
Eine Übersicht zu möglichen Komplikationen finden Sie in meinem Beitrag Diabetes: Spätschäden und Folgen.
Was ich einem Typ-2-Diabetiker zuerst raten würde
Wenn mich jemand fragt: „Was soll ich denn nun konkret machen?“, würde ich nicht mit exotischen Nahrungsergänzungen beginnen.
Ich würde zuerst die Grundlagen prüfen:
- Zuckerhaltige Getränke streichen. Cola, Limonaden, Energydrinks und Fruchtsäfte sind einer der einfachsten Ansatzpunkte.
- Hochverarbeitete Kohlenhydrate deutlich reduzieren. Vor allem Zucker, Weißmehl, Süßigkeiten, Gebäck und ständiges Naschen.
- Mehr Gemüse und Ballaststoffe essen.
- Ausreichend Eiweiß zuführen, damit besonders bei Gewichtsreduktion keine unnötige Muskelmasse verloren geht.
- Nach den Mahlzeiten bewegen. Zehn oder fünfzehn Minuten Gehen sind besser als nach dem Essen sofort wieder zwei Stunden zu sitzen.
- Krafttraining beginnen. Muskelmasse ist Stoffwechselmasse.
- Bauchumfang und Gewicht reduzieren, wenn deutliches Übergewicht besteht.
- Essenspausen schaffen, sofern Medikamente und Stoffwechsellage das zulassen.
- Schlaf verbessern und Dauerstress reduzieren.
- Laborwerte vernünftig kontrollieren und nicht nur auf den HbA1c schauen.
Diese Dinge wirken wenig spektakulär.
Aber genau darin liegt ein Teil des Problems unserer modernen Medizin: Was wenig kostet, täglich umgesetzt werden muss und nicht als neue Wundertherapie verkauft werden kann, bekommt häufig weniger Aufmerksamkeit, als es verdient.
Mein Fazit: Beim Typ-2-Diabetes müssen wir an die Ursachen heran
Vor allem der Typ-2-Diabetes ist keine Erkrankung, bei der man lediglich einen erhöhten Zuckerwert mit Medikamenten nach unten korrigieren sollte.
Die entscheidende Frage lautet für mich:
Warum ist der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten?
Bei vielen Patienten finden wir Insulinresistenz, zu wenig Bewegung, zu wenig Muskelmasse, zu viel viszerales Fett, eine Fettleber, eine ungünstige Ernährung, Schlafmangel, Dauerstress oder eine Kombination aus mehreren dieser Faktoren.
Genau dort sollte eine ursachenorientierte Behandlung ansetzen.
Medikamente können sinnvoll und notwendig sein.
Beim Typ-1-Diabetes ist Insulin lebensnotwendig. Auch beim Typ-2-Diabetes darf eine notwendige medikamentöse Behandlung nicht leichtfertig abgesetzt werden.
Aber Medikamente sollten für mich Teil einer umfassenden Therapie sein und nicht deren Ersatz.
Denn gerade beim Typ-2-Diabetes lässt sich durch Ernährung, Bewegung, Muskelaufbau, Gewichtsreduktion, sinnvolle Essenspausen und eine vernünftige Ordnungstherapie häufig erheblich mehr verändern, als vielen Betroffenen bewusst ist.
Und genau darin liegt für mich die eigentliche Chance der Diabetes-Therapie.






